Verband Schulpsychologie Niedersachsen

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Stellungnahme zum Erlassentwurf „Schulpsychologische Beratung“ (Erlass des MK v. XX.XX.2011 – 34.2 – 81410 – VORIS 22410), Anhörungsfassung

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Am 22.08.2011 ist unserem Verband die Anhörungsfassung des neuen Erlasses zugegangen.

Leider konnten wir in der Kürze der uns zur Verfügung stehenden Zeit diese Fassung nicht in der erforderlichen Breite und Gründlichkeit in der Kollegenschaft diskutieren. Dies ist bedauerlich, hätte doch die lange Zeit, die seit der ersten Ankündigung des Erlasses verstrichen ist, zu einer intensiveren Beteiligung genutzt werden können.
 
Die vorliegende Stellungnahme konnte dennoch in unserer Mitgliederversammlung im September besprochen und verabschiedet werden.
 
Grundsätzlich begrüßt der Verband Niedersächsischer Schulpsychologen, dass nach langen Jahren, in der die Profession Schulpsychologie in Niedersachsen in einer Art Schwebezustand gelebt hat, nunmehr wieder eine verlässliche Arbeitsgrundlage entstehen wird.
Die konkrete Benennung der Aufgaben und die Erhaltung eines breiten Tätigkeitsspektrums, das psychologische Arbeit im System Schule wirksam werden lassen kann, sind ebenfalls zustimmungsfähig, bewegen sich weitgehend auf der Linie der im bundesweiten Berufsprofil der Verbände enthaltenen Arbeitsfelder und bilden damit auch die Realität der schulpsychologischen Arbeit hinreichend ab.
Sehr sinnvoll finden wir auch die teilweise starke Annäherung an die Formulierungen aus dem alten Erlass von 1984.
Ausdrücklich begrüßen wir zudem, dass sich das Kultusministerium als oberste Schulbehörde die Regelungskompetenz im Bereich der Aufgabenschwerpunkte und bei der Aufgabenbestimmung selbst vorbehält.
Dass die berufsrechtlichen und auch die berufsethischen Standards der Psychologie in der Entwurfsfassung Berücksichtigung finden, ist ebenfalls hervorhebenswert.
 
Trotz dieser positiven Momente gibt es aber von unserer berufspolitischen Seite her an mehreren Stellen auch Kritik anzumelden.
 
Bei der vorliegenden Stellungnahme folgen wir sequenziell den einzelnen Passagen des Erlasses. Dabei nehmen wir auch immer wieder Bezug auf den alten Erlass von 1984:
 
Organisation
 
Zu begrüßen ist die explizite Nennung der entsprechenden Passage des Niedersächsischen Schulgesetzes mit seiner konkreten Verortung der Schulpsychologie in der Schulbehörde. Die Festlegung einer regionalen Zuständigkeit findet ebenfalls unsere Zustimmung wie auch die im alten Erlass enthaltene Wahrnehmung der Tätigkeit im Zuständigkeitsbereich in eigener Verantwortung. Unseres Erachtens müssten die Studienseminare noch ausdrücklich Erwähnung finden. Begrüßt wird die Beschränkung auf die Schulen in öffentlicher Trägerschaft.
 
Im Gegensatz zum alten Erlass von 1984 fehlt die Erwähnung des Dezernentenbegriffs. Diese Streichung erfolgt ohne Begründung. Der vorgetragene Hinweis, der Erlass beschäftige sich nicht mit Statusfragen, ist für uns hier nicht überzeugend.
Da Schulpsychologinnen und Schulpsychologen Dezernentenfunktion in der Behörde haben, muss dies auch Erwähnung im Erlass finden. Eine Herabführung auf die Ebene einer Fachberatung ist für uns nicht akzeptabel und entspricht auch nicht der Intention der Verortung der Schulpsychologie im Dezernat 5, das ausdrücklich für die besonderen kommunikativen und rechtlichen Rahmenbedingungen der dort Beschäftigten eingerichtet worden ist.
Wir haben verschiedentlich ausgeführt, dass die Dezernentenfunktion für uns sowohl für die Zusammenarbeit mit den schulfachlichen Dezernaten (Zusammenwirken von pädagogischer und psychologischer Profession in einer heterarchischen Arbeitsbeziehung mit sich ergänzenden Sichten) unabdingbar ist als auch für die beraterische Arbeit mit den Schulen. Bisher ist dies auch unstrittig gewesen und wir sehen keinerlei Grund, davon abzuweichen.    
 
 
Aufgaben:
 
Die Auflistung einzelner Tätigkeitsfelder, die unvollständig erscheint, ist an dieser Stelle in unseren Augen nicht glücklich. Wir haben dazu in unserer niedersachsenspezifischen Umsetzung des bundesweiten Berufsprofils folgende Formulierung gewählt: „Die Schulpsychologie nutzt psychologisches Wissen, um die Schulen in ihrem Bildungs- und Erziehungsauftrag und Schülerinnen und Schüler in ihrer Lernentwicklung, in ihrer Persönlichkeitsentwicklung sowie dem Erreichen angemessener Abschlüsse zu unterstützen.“
 
Die Nennung des Orientierungsrahmens Schulqualität an dieser Stelle ist u.E.   verzichtbar, da sie eine Selbstverständlichkeit darstellt. Darüber hinaus gestaltet  die Schulpsychologie ihr Angebot evidenzbasiert, orientiert an den wissenschaftlichen und berufsethischen Standards und gerichtet auf das Gelingen der Schullaufbahn der Schülerinnen und Schüler. Den in den Punkten 2 (1) bis 2 (3) ansonsten gemachten Aussagen kann uneingeschränkt zugestimmt werden.
 
Bei Punkt 2.1 (System bezogene Arbeit) fehlt unter (1), dass auch die Schulbehörden Beratung nachsuchen können (s. auch die folgenden Ausführungen im Erlassentwurf).
Der Auflistung der Tätigkeitsfelder kann zugestimmt werden. Hier könnten wir uns auch andere Gliederungen wie im bundesweiten Berufsprofil vorstellen, die wesentlichen Punkte sind aber genannt. Nachdrücklich begrüßen wir, dass Gewaltprävention wie auch Gesundheitsförderung (wieder) zu Tätigkeitsfeldern der Schulpsychologie gemacht werden. Begrüßenswert ist auch der Hinweis auf den Aufbau schulischer Beratungsteams, zu dem die Schulpsychologie vor allem im Bereich der Konzepte Beiträge erbringen kann.
Nebenbei sei bemerkt, dass einige Tätigkeitsfelder auch eine Weiterqualifizierung erforderlich machen (bspw. schulinterne Krisen- und Notfallteams).
Unabdingbar ist aus unserer Sicht, dass ein Leitthema der Schulentwicklung in den nächsten Jahren, die Inklusion, Erwähnung findet.
 
Dem Punkt 2.1 (4) können wir in Teilen folgen. Der dritte Spiegelstrich sollte u.E. folgendermaßen formuliert werden:
 
- entwickeln auf der Grundlage der geltenden wissenschaftlichen und
berufsethischen Prinzipien Verfahrensweisen und Handlungsstandards für die Schulpsychologische Beratung innerhalb der Niedersächsischen
Landesschulbehörde weiter
 
Der vierte Spiegelstrich ist missverständlich; hier sollte der Teil ab „mit dem Ziel“ entfallen.
 
Bei Punkt 2.1.1 finden wir weitgehend den alten Erlass wieder, so dass hier keine Einwendungen bestehen.
 
In 2.1.3 wird der besondere Anteil der Schulpsychologie, und damit auch der Schulbehörden, nicht ausreichend deutlich. Die schulpsychologischen Dezernentinnen und Dezernenten wirken nicht bei der Beratungslehrer-Weiterbildung mit, sie konzipieren, in Zusammenarbeit mit der Universität Hildesheim,  die Weiterbildung und führen sie durch. Die Kooperation mit der Universität Hildesheim könnte hier wie bei 2.1.4. im Text beschrieben werden.
Seit über 30 Jahren nimmt die Schulpsychologie auch die Fachaufsicht über die Beratungslehrkräfte wahr.
Weitere zu nennende Aufgaben unter 2.1.3 sind die Auswahl der weiterzubildenden zukünftigen Beratungslehrkräfte und natürlich die Organisation und Durchführung der Prüfung, einschließlich des Prüfungsvorsitzes.
 
Bei Punkt 2.2 (Einzelfallberatung) wäre der Begriff „personenbezogene Beratung“ analog zu „System bezogene Beratung“ vorzuziehen.
Der erste Satz unter 2.2 (1), der den Problembereich beschreibt, erhält unsere volle Zustimmung.
 
Die in 2.2 (2) genannten Grundpfeiler der psychologischen Beratung sind vollständig. Allerdings sollte bei der Schweigepflicht explizit der besondere Schutz des Privatgeheimnisses des Ratsuchenden durch Berufspsychologen nach § 203 (1) 2 StGB, der sich deutlich von der Verschwiegenheitspflicht sonstiger Amtsträger unterscheidet, genannt werden.
Außerdem verweisen wir darauf, dass selbstverständlich die hier angesprochenen Grundpfeiler vollständig auch für Tätigkeiten, die im Erlassentwurf unter 2.1 angeführt sind (z.B. Supervision), gelten. Dies könnte entsprechend durch Nennung bereits im Teil 2 (2) erfolgen.
 
(4) Schulpsychologie gestaltet ihr Angebot evidenzbasiert, orientiert an den wissenschaftlichen und berufsethischen Standards und gerichtet auf das
Gelingen der Schullaufbahn der Schülerinnen und Schüler.
Die schulpsychologischen Dezernentinnen und Dezernenten achten den Angebotscharakter und die Freiwilligkeit der Beratung. Sie wahren die
Unabhängigkeit der Beratungspartner, respektieren die Verantwortungsstrukturen, erweitern die Selbststeuerungskompetenzen, regen Selbstwirksamkeitserfahrungen bei den Beratungspartnern an und schützen anvertraute Privatgeheimnisse (§ 203.1 StGB). Der freie Zugang der
Ratsuchenden zur schulpsychologischen Beratung ist gewährleistet.
 
Die unter Punkt 2.2 (3) angeführten Sätze gehören aus fachlicher Sicht nicht in diesen Kontext, sondern sind bereits in den Punkten 4. bis 7. des Erlassentwurfs enthalten.
Der Punkt 2.2 a) (2) (keine therapeutischen Aufgaben) kann so nicht stehen bleiben. Nach dem Psychotherapeutengesetz gilt als Psychotherapie „jede mittels wissenschaftlich anerkannter psychotherapeutischer Verfahren vorgenommene Tätigkeit zur Feststellung
Heilung oder Linderung von Störungen mit Krankheitswert, bei denen Psychotherapie indiziert ist.“
 
Die Formulierung im alten Erlass („Der Schulpsychologe hat nicht die Aufgabe, eine psychotherapeutische Einzelbehandlung durchzuführen“) ist somit weiterhin in ihrer Präzision unübertroffen.
 
Den Punkten a) (1) und b) können wir voll zustimmen und begrüßen die hier vorgenommene Konkretisierung der schulpsychologischen Schullaufbahnberatung.
Die besondere Erwähnung der Notfallpsychologie ist unserer Ansicht nach zwar nicht erforderlich, sollte aber auf jeden Fall so formuliert werden, dass diese Tätigkeit prinzipiell Aufgabe jedes Schulpsychologen/ jeder Schulpsychologin ist. Dies erfordert natürlich auch eine notfallpsychologische Qualifikation für alle, wie es in anderen Bundesländern selbstverständlich ist.
 
Die Punkte 2.3, 2.4 und 2.6 finden unsere Zustimmung.
 
 
Aufgabenschwerpunkte und Verfahren bei der Aufgaben-wahrnehmung:
 
Wir begrüßen, dass sich hier keine starre Quotierung zwischen in 2.1 und 2.2 genannten Tätigkeiten findet, wie sie ursprünglich wohl einmal gedacht war.
Sollten die Studienseminare in den Zuständigkeitsbereich der Schulpsychologie aufgenommen werden, wären unter 4. (1) auch die Seminarleitungen zu nennen.
 
 
Weitere Punkte:
 
Die folgenden Punkte finden sich weitgehend formulierungsidentisch bereits im alten Erlass.
Insofern sehen wir hier keinen Anmerkungsbedarf.
 
 
Zusammenfassung:
 
In weiten Bereichen erscheint der Erlassentwurf trotz mancher Schwächen akzeptabel.
Andere Punkte bedürfen unbedingt der Überarbeitung.
 
Von uns vorgeschlagene Veränderungen würden sowohl eine fachlich stringentere Sicht vermitteln als auch insgesamt die Präzision erhöhen.
Wir gehen davon aus, dass unsere fachlichen Begründungen noch zu den erforderlichen Anpassungen führen, und würden uns dazu gerne  auch in einer mündlichen Anhörung äußern.
 
Wir bitten darum, dass uns im weiteren Verlauf auch die von anderer Seite vorgelegten Stellungnahmen zum Anhörungsverfahren zugänglich gemacht werden.
 
 
 
Oldenburg/Hannover
September 2011
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