Verband Schulpsychologie Niedersachsen

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Artikel in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung vom 23.03.2009

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Schulpsychologen klagen über Zeitproblem
Seit Jahren reduziert das Land die Zahl der Fachkräfte - für persönliche Kontakte ist längst keine Zeit mehr.

Schulpsychologin Ingrid Neumann.
© Steiner
Ingrid Neumann sieht müde aus. Unter ihren Augen zeichnen sich dunkle Ringe ab. „Seit der Amoklauf in Winnenden passiert ist, schlafe ich ziemlich schlecht“, erzählt die Schulpsychologin. Siebenmal mussten sie und ihr Kollege in den vergangenen anderthalb Wochen ausrücken, weil es an Schulen in der Region Amokdrohungen gab. In den meisten Fällen hätten die Schüler im Internet damit gedroht, Amok zu laufen.
„Ihre Mitschüler haben sich dann an die Lehrer gewendet – und die wiederum wenden sich an uns“, erzählt die Schulpsychologin. Begleitet wird Neumann, die auch eine Spezialausbildung zur Notfallpsychologin hat, bei solchen Einsätzen immer von der Polizei. „Wir müssen herausfinden, ob der Schüler seine Drohung tatsächlich in die Realität umsetzen würde“, erklärt Neumann. Dabei hilft eine Checkliste: Ist der Jugendliche in ein soziales Netzwerk eingebunden oder ein Außenseiter? Hat er Zugang zu Waffen? Hat er einen Amoklauf vorher geprobt oder die Schule auf Fluchtwege hin inspiziert?
Nur ein verschwindend geringer Prozentsatz der Schüler, die mit einem Amoklauf drohen, mache ihre Drohung auch tatsächlich wahr, sagt die 59-jährige Schulpsychologin. „Trotzdem ist es eine sehr große Verantwortung zu entscheiden, ob der Täter es ernst meint.“ Trittbrettfahrer hätten allerdings ganz andere Motive als Amokläufer: „Sie wollen nicht Rache und Vergeltung, sondern in erster Linie Aufmerksamkeit.“
Ein Junge habe das im Gespräch mit ihr sogar offen zugegeben. „Es sind männliche Schüler in der Pubertät, die ein starkes Gefühl des Mangels haben, sie fühlen sich zu wenig beachtet, sie möchten im Mittelpunkt stehen und genießen es, die Schule mit ihrer Drohung aufzumischen“, erklärt Neumann, und ihre Stirn legt sich in Sorgenfalten. Oft würden die Jungen gar nicht erkennen, was für eine Tragweite ihre Amokdrohung hat. „Die erzählen uns und der Polizei ganz offen, was sie getan haben.“
Nur in Notsituationen wie etwa einer Amokdrohung haben Schulpsychologen wie Ingrid Neumann noch direkten Kontakt zu Schülern: „Im Alltagsgeschäft haben wir dafür leider keine Zeit“, sagt die zweite Vorsitzende des Verbandes Niedersächsischer Schulpsychologen. Als Schulpsychologin ist sie ganz allein für die Schulen in Burgdorf, Garbsen, Wedemark, Burgwedel, Uetze und Neustadt zuständig. „Ich weiß gar nicht, ob das nun 100 oder 150 Schulen sind – auf jeden Fall sind es zu viele“, sagt Neumann, die vor 30 Jahren ausschließlich für die IGS-Garbsen verantwortlich war.Vor etwa zehn Jahren habe das Land Niedersachsen begonnen, Schulpsychologen rigoros einzusparen.
Seitdem habe es kaum Neueinstellungen mehr gegeben. „Wir können unser Wissen nicht mehr weitergeben und sind mittlerweile nur noch halb so viele Schulpsychologen wie in den achtziger Jahren.“ So beschränkt sich die Arbeit der Schulpsychologen nun überwiegend auf die Fortbildung von Lehrern, auf die Betreuung von landesweiten Antimobbing-, Gewaltpräventions- oder Kommunikationsprojekten oder auf Supervisionszirkel mit Beratungslehrern. „Wir haben die Aufgabe, dass System Schule zu beraten“, sagt Neumann mit Bedauern in der Stimme. Von dem, was sich tatsächlich an den Schulen abspielt, erfahren die Schulpsychologen in Niedersachsen fast nur noch über Dritte – etwa beim Supervisionstreffen mit den Beratungslehrern oder am Telefon. Im Kultusministerium verweist Sprecher Andreas Krischat darauf, dass selbst eine größere Zahl an Schulpsychologen Amokläufe nicht verhindern kann.
Das zeige das Beispiel Winnenden: Dort gab es Schulpsychologen und Beratungslehrer. Trotzdem würde Neumann gerne mit auffälligen Schülern selbst sprechen. „Wenn die Lehrer von Schülern erzählen, die ihre Haut aufritzen, essgestört oder gewalttätig sind, würde ich mir gerne jeden Fall persönlich anschauen.“ Dafür aber fehlt die Zeit – und Neumann bleibt nichts anderes übrig, als auf Beratungsstellen oder Psychotherapeuten zu verweisen und den Lehrern Tipps für den Umgang mit den betroffenen Schülern zu geben. Die Beratungslehrer seien zwar notwendig für die Schulen, einen Psychologen ersetzen könnten sie aber nicht, meint Ingrid Neumann. „Das sind eben in erster Linie Lehrer, die eine psychologische Fortbildung bekommen haben.“
Dass Schulpsychologen wieder mehr Zeit für die Einzelberatung an Schulen haben sollten, finden auch viele Schulleiter. „Wenn wir ein Anliegen haben, müssen wir mit Wartezeiten rechnen und viel Geduld haben, bis das Problem bearbeitet werden kann, weil die Schulpsychologen so überlastet sind“, erzählt etwa Brigitte Behrens, Leiterin der Rosa-Parks-Hauptschule. Dabei sei der Bedarf an psychologischer Beratung in jüngsten Zeit gestiegen. „In den Elternhäusern werden die Probleme, die Kinder haben, heute häufig nicht ausreichend beachtet oder sogar ignoriert. Das muss daher in der Schule bearbeitet werden“, meint Behrens, die sich wünscht, dass Schulpsychologen wieder für weniger Schulen zuständig wären.
„Wir bräuchten eine psychologische Kraft an der Schule, die greifbar ist“, meint auch Christian Stock, Leiter des Kaiser-Wilhelm- und Ratsgymnasiums. Und Enno Dargatz, Schulleiter der Dietrich-Bonhoeffer-Realschule, findet es wichtig, schnell zu handeln, wenn es Konflikte mit Schülern gibt: „Lange auf Rückrufe von Schulpsychologen zu warten würde das Problem nur zusätzlich aufbauschen.“ Die Kritik der Schulleiter kann Ingrid Neumann gut verstehen. Aber auf ihrem Schreibtisch stapeln sich die Anfragen, ihr E-Mail-Fach läuft über, und auch die zahlreichen Nachrichten auf dem Anrufbeantworter kann sie nicht immer sofort bearbeiten. Dafür sind es einfach zu viele Schulen – und zu wenig Zeit.
von Julia Sellner
 

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