Verband Schulpsychologie Niedersachsen

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Anhörung des Landeselternrats zu bildungspolitischen Maßnahmen der Landesregierung

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Am 16.3.09 fand beim Landeselternrat eine Anhörung der Verbände statt zu den bildungspolitischen Maßnahmen der Landesregierung.
Unser Verband nutzte die Gelegenheit, nicht nur klar Stellung gegen die Kürzung der Verlagerungsstunden für Beratungslehrkräfte zu beziehen, sondern die Forderung nach einem Wiederaufbau eines vor den Eingriffen der Politik bundesweit vorbildlichen Beratungssystems, vorrangig gestützt auf Schulpsychologen und Beratungslehrkräfte, zu vertreten und mit dem aktuellen bildungspolitischen Erfordernissen zu verbinden.

Die von uns vertretene Position haben wir auch schriftlich dargestellt.

In einem Ergebnispapier sprachen sich Elternvertreter, die vertretenen Verbände und auch die Vertreterinnen und Vertreter der Landtagsfraktionen für einen Ausbau der Schulpsychologie aus sowie für eine Erhöhung der Beratungslehrerstunden.


 

Stellungnahme des Verbandes Niedersächsischer Schulpsychologen bei der Anhörung des Landeselternrats am 16.3.2009 "Aktuelle bildungspolitische Maßnahmen der Landesregierung"

 
Im Gegensatz zu den meisten anderen hier Vertretenen sind die in unserem Verband organisierten Kollegen und Kolleginnen keine Lehrkräfte.

Als Psychologen haben wir einen anderen Blick auf Schule und möchten aus diesem Blickwinkel heraus prüfen, wie es um die Schule in Niedersachsen steht. Wir stützen uns dabei u.a. auch auf empirische Untersuchungen.

Wagen wir zunächst einen ersten Blick in den Alltag von Schule, wie er uns in der Arbeit immer wieder begegnet. Hier wäre zunächst klimatisch zu nennen eine merkwürdige Mischung aus (unterdrückter) Wut und Resignation, wie uns Lehrkräfte immer wieder zu erkennen geben. Von einer Aufbruchstimmung, wie sie eigentlich bräuchten, ist nichts zu verspüren. 


Einige zentrale Fragen, die wir uns beim Blick auf den Alltag in der Schule stellen:
Wie kommt es, dass
• 20% unserer Schüler psychische Störungen nach den Erkenntnissen der sog. BELLA-Studie zeigen, davon die Hälfte behandlungsbedürftige. Vorrangig sind hier schulbezogene Ängste und ausagierende Auffälligkeiten zu sehen.
• wir zunehmend mit Stresssymptomen (nach DAK-Studie fühlen sich bis 49 % der Schülerschaft gelegentlich oder häufiger gestresst) bis hin zur Schulphobie und teilweise daraus folgender Schulverweigerung zu tun haben (nach Angaben des Bundesverbandes der Kinder- und Jugendpsychiater bis zu 600000 Schülerinnen und Schüler in Deutschland).
• noch immer 8% unserer Schulabgänger ohne Abschluss bleiben.
• Teilleistungsstörungen (Lese-Rechtschreibschwäche usf.) nach allen Untersuchungen zuzunehmen scheinen.
• bei Gesprächen mit Eltern von Kindergartenkindern, dies allerdings ein subjektiver Eindruck, kaum noch Freude im Hinblick auf den Eintritt in die Schule zu erkennen ist. Eltern nennen hier gern die Schulerfahrungen älterer Geschwister.
 
Sicherlich hat das nicht nur mit Schule zu tun, aber Schule kann und darf sich hier nicht ausklammern.
Es scheint in diesem System etwas falsch zu laufen. Dies lässt sich nicht mit mehr Unterricht kurieren, so wichtig Unterricht auch ist.

Schließlich soll ja, so die Regierungserklärung des Ministerpräsidenten vom letzten Jahr, „kein Kind verloren gehen…Jeder einzelne wird besser betreut und gefördert“
Soweit die politische Absicht, wie sieht aber die Realität aus.


Vielleicht einige Beispiele: 

• Klasse 7 Hauptschule, angefangen in Klasse 5 mit einer Schülerzahl fast im einstelligen Bereich, zwischendurch stabilisiert, durch Rückläufer aus Realschulen und auch aus dem Gymnasium mit einem Misserfolgsgepäck und erheblichen Verhaltensauffälligkeiten fast kollabiert. Ein sinnvolles ertragreiches Arbeiten ist unter diesen Voraussetzungen kaum möglich, Lehrkräfte arbeiten trotz oder gerade wegen hohen Engagements am Rande ihrer Ressourcen.

• In 5. Gymnasialklassen teilen sich mitunter mehr als 30 Schülerinnen und Schüler Räume, die dafür gar nicht ausgelegt sind. Das Gymnasium ist ja heute die eigentliche Hauptschule ohne die homogene Schülerschaft, von der wir immer ausgehen. Die auch dort auffindbare Heterogenität schreit geradezu nach individueller Förderung. In solchen Klassen ist diese aber gar nicht möglich. Es überstiege die pädagogischen Möglichkeiten der einzelnen Lehrkraft. Sprechen wir darüber mit den Kollegen, wird dies bedauert. Wir verstehen aber schon, dass nur noch die Möglichkeit bleibt, „die Sache irgendwie am Laufen zu halten“ (Zitat einer Kollegin)
 
Lassen Sie uns noch auf einen Punkt eingehen, der in der bildungspolitischen Diskussion häufig unterschlagen wird. Mit der Einführung der Eigenverantwortlichen Schule und der Inspektion werden international positive Erfahrungen eigentlich angemessen genutzt.
 
Immer vertröstet wird die Öffentlichkeit jedoch hinsichtlich des dazu erforderlichen Beratungssystems, das – siehe Holland – umso größer sein muss, je mehr die Aufsicht zurückgefahren wird.
 
Trotz des immer wieder beteuerten „Hochdrucks“, mit dem an diesem Problem gearbeitet werde (so hieß es immer wieder in MK-Antworten auf Landtagsanfragen), können wir bisher nur bilanzierend sagen: Die Erledigung dieser Hausaufgabe steht seit Jahren aus.
 
Gerade in Zusammenhang mit dem Amoklauf in Winnenden ist wieder der Ruf nach mehr Schulpsychologen aufgetreten. Dies passiert nach solchen Taten regelmäßig immer wieder – so forderte der damalige Bundesinnenminister Schily nach Erfurt „einen Schulpsychologen in jeder Schule“. Verbesserungen sind daraus kaum erwachsen, und wenn dann nur in einigen wenigen Bundesländern, in Niedersachsen jedenfalls nicht.
 
Wenn wir in der Öffentlichkeit sagen müssen, dass hier in Niedersachsen mittlerweile bis zu 100 Schulen auf einen Schulpsychologen/eine Schulpsychologin kommen, gibt es ungläubiges Staunen.
Auf den bundesweiten Konferenzen unserer Berufsgruppe ernten wir Schulpsychologen aus Niedersachsen nur noch mitleidsvolle Bemerkungen, wissen doch alle, Niedersachsen ist in dieser Richtung absolutes Schlusslicht ist, u.E. eine katastrophale Entwicklung für ein Bundesland, das sich selbst zum Bildungsland stilisiert.
 
 
Immer wieder weisen wir deshalb darauf hin, dass zur Qualität von Schule auch eine Qualität von psychologischer Beratung gehört und die Ressourcen der Psychologie als Wissenschaft vom Erleben und Verhalten von Menschen ausgeschöpft werden müssen.
 
 
 
Zur momentanen Lage der Schulpsychologie: 
 
Es wird gerade die Elternvertreter interessieren, dass es erklärte Absicht der Landesregierung ist, die so genannte Beratung im Einzelfall für Eltern und Schülerinnen und Schüler auf ein nicht mehr wahrnehmbares Maß zu reduzieren. Für viele Eltern entfiele ein Ansprechpartner bei Schulproblemen aber auch ein gegenüber dem doch teilweise mächtigen System Schule gut positionierter Mittler an der Schnittstelle zwischen Schule und Elternhaus.
Die fast ausschließliche Orientierung auf die so genannte Systemberatung, wie sie offiziell angestrebt wird, widerspricht jedweder Fachlichkeit. Kein anderes Bundesland, kein anderes Land in Europa vertritt eine solche Haltung.
 
Schulpsychologische Beratung verlangt an der einzelnen Schule eine Ergänzung durch systeminterne pädagogisch-psychologische Beratung, wie sie die Beratungslehrkräfte an ihrer Schule ausüben. Seit nunmehr 30 Jahren betreiben wir in enger fachlicher Kooperation mit der Universität Hildesheim die Weiterbildung von Lehrkräften zu Beratungslehrerinnen und –lehrern und betreuen sie in ihrem praktischen Einsatz. Dieses System galt lange Zeit als bundesweit führend und vorbildlich. Schon durch die Eingriffe der Landesregierung im Jahre 2004 mit der Verminderung der Verlagerungsstundenzahl von fünf auf drei ist dieses System nachhaltig beeinträchtigt worden
 
Deswegen wenden wir uns entschieden gegen die weitere Reduzierung der Verlagerungsstunden für Beratungslehrkräfte. Wurde vor geraumer Zeit von Seiten der die Regierung tragenden Fraktionen die Beratungslehrkräfte noch in Stellung gebracht, um angeblich die Tätigkeit wegfallender Schulpsychologen zu übernehmen, ist davon jetzt nicht mehr die Rede. Mit der Zurücksetzung auf nur noch 2 Stunden wird die Möglichkeit sinnvoller Beratung ad absurdum geführt. Was bleibt, ist nur noch die Feigenblattfunktion. 

 
Wir brauchen gerade jetzt insgesamt mehr Zeit in Schule für die wichtige Aufgabe, sich mit den Problemen der dieser Institution anvertrauten Schülerinnen und Schüler zu befassen.
Wer psychische Probleme hat, kann nicht oder nur eingeschränkt lernen.
Da hilft nicht mehr Unterricht, auch wenn qualitativ hochwertiger Unterricht von besonderer Bedeutung ist.
 
Wir fordern deshalb aktuell
 
• die Rücknahme der Kürzungen bei den Beratungslehrkräften und
• einen bedarfsgerechten Ausbau eines Systems aus Schulpsychologen, Beratungslehrkräften und Sozialpädagogen, das internationalen fachlichen Standards entspricht. Konkret heißt das in einem ersten Schritt eine Rückkehr zu alten Zahlen, d.h. 90 Schulpsychologenstellen und eine entsprechende Ausstattung mit Beratungslehrkräften wie vor der ersten Kürzung in 2004. Längerfristig sind deutlich bessere Relationen anzustreben wie in den Positionspapieren unserer Verbände gefordert, Relationen, die nicht utopisch sind, sondern in anderen EU-Ländern, deren Schulsysteme offensichtlich bessere Ergebnisse erbringen, durchaus Alltag.
 

 

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